Adrian Ciceu
 
 
Dezember 2005
Adrian Ciceu,
der ältere Bruder von Eugen berichtet über die gemeinsame Kindheit:
    Wir hatten eine schöne Kindheit. Ich bin ein Jahr und vier Monate älter als Eugen Unsere Eltern waren sehr fürsorglich, mein Vater war orthodoxer Protopop (das ist vergleichbar mit einem "Bischof") und meine Mutter war Hausfrau und eine professionelle Chorsängerin. Eugen und ich haben immer zusammen gespielt, wobei ich immer auf ihn aufpassen mußte.

    Eines Tages, als die Russen kamen, mußte unsere Nachbarsfamilie fliehen und hat Hals über Kopf ihre Wohnung verlassen. Wir spielten gerade im Haus und Eugen sah, dass die Tür zu deren Wohnung offenstand. Eugen ging langsam in diese Wohnung und sah ein Klavier. Er hatte zuvor noch nie ein Klavier gesehen. Eugen war gerade vier Jahre alt, er ging seelenruhig an das Klavier, machte den Deckel auf und begann mit zwei Händen ein Schlager aus dem Radio nachzuspielen. Er konnte kaum auf die Tastatur langen, aber spielte mit Harmonie und Melodie. Ich traute meinen Ohren nicht und rannte sofort zu meiner Mutter. Sie kam und wir alle staunten, was Eugen da aus dem Klavier herausholte. Meine Mutter hat dann sofort ein Klavierlehrerin gesucht. Sie fand in Aurelia Cionca, die schon Dinu Lipatti unterrichtet hatte, eine gute Lehrerin.

    Soweit ich mich erinnern kann, hatte Eugen nur zwei Klavierlehrerinnen: In Klausenburg Aurelia Cionca und auf der Hochschule in Bukarest Ana Pitis.

    Eugen konnte also noch nicht richtig reden, als er mit Klavierspielen anfing. Man mußte ihm immer etwas Druck machen, er übte nicht gerne und ging lieber spielen.
Wie war Eugen in der Schule?
    Ich kam mit sechs Jahren zur Schule. Als ich in die zweite Klasse kam, hat Eugen protestiert und geweint, weil er noch nicht in die Schule durfte, er war zu klein. Meine Mutter ging dann zu meiner Lehrerin, die dann erlaubte, dass er in meine Klasse kam. Er setzte sich in die letzte Reihe und war völlig ruhig, er saß einfach ganz brav da, was sehr komisch war, weil er sonst ein sehr unruhiges Kind war, das immer irgendwelche Probleme machte. Eugen hat ganz schnell alles gelernt. Wir sind dann 1947 nach Regin gezogen, aber Eugen blieb in Klausenburg, um dort weiter Klavier zu lernen.

    1949 zog dann die ganze Familie nach Bukarest, wo Eugen auf eine Musikfachschule kam, vergleichbar mit einem musischen Gymnasium mit Abitur. Eugen war ein sehr aufmüpfiger Junge, er ist auch einmal sitzen geblieben. Es gab immer Probleme mit ihm. Eugen wußte, dass er gut war und deshalb hat er sich vieles erlaubt, was sich andere Kinder nicht getraut hätten.
Wie kam Eugen zum Jazz?
    Eugen konnte von Anfang an improvisieren, das war immer schon sein großes Vergnügen. Er sagte mir oft, komm ich spiele Dir einen Mozart. Dann hat er ein Mozart-Thema genommen und darauf improvisiert. Das konnte er auch mit jedem anderen Komponisten.

    Mit 13 oder 14 Jahren hat Eugen die Klaviertechnik völlig beherrscht. In diesen Jahren hat er die ersten Platten von Oscar Peterson und Erroll Garner gehört. Vladimir Kosma (der spätere Komponist des französischen Kultfilms DIVA), ein Freund von uns und späterer Hochschulkollege, hat uns zu einem der wenigen Sammler von Jazzplatten in Bukarest mitgenommen.

    Das war eine große Ehre und eine sehr ernsthafte Angelegenheit. Der Sammler hatte seine Platten gehütet wie Goldbarren und niemand durfte diese anfassen. Aber weil wir Vladimir Kosma kannten, durften wir einige Jazz Platten auch hören. Wir hatten natürlich kein Tonbandgerät dabei, um diese auch aufzunehmen, aber Eugen war derart fasziniert von dieser Musik dass er die Musik auch so im Gedächtnis festhalten konnte.

    Es gab da noch eine Radiosendung von "Voice of America". Da hat ein Willis Canowen jeden Abend für Osteuropa ein Jazzsendung gemacht und die fing immer mit "Take The A-Train" an. Wir hingen jeden Abend am Radio und haben diesen Titel und die ganze Sendung in uns reingesogen. Kurze Zeit später konnte Eugen alles nachspielen.
Wie kam Eugen dazu, nach Deutschland gehen zu wollen?
    Eugen wollte immer schon abhauen. Es gefiel ihm nicht in Rumänien. Wir beide wurden etwa zur gleichen Zeit in die Musikhochschule in Bukarest aufgenommen. Eugen wurde schon nach dem ersten Jahr aus politischen Gründen von der Schule verwiesen.

    Eugen hatte gerade angefangen Jazz zu spielen und das paßte dem Staat nicht. Das war ja kapitalistische Musik. Eugen ging dann in die Kneipen und spielte dort. Offensichtlich wollte das Ministerium an ihm das Exempel statuieren, dass ihm aufgrund seiner Begabung keine Narrenfreiheit gewährt wird.

    Nach zwei Jahren durfte Eugen wieder auf die Hochschule zurück. Eugen spielte schon in einer Kapelle. Man ließ sie in die Länder des Ostblocks reisen, sie kamen bis Ost-Berlin. Das war, glaube ich, 1963. Eines Tages gaben sie bei den Grenzbehörden an, sie müßten nach West-Berlin, um Aufnahmen zu machen. Einer blieb zurück, weil er einen Sohn hatte, die anderen gingen in den Westteil der Stadt und waren verschwunden. Der Musiker, welcher im Osten zurückgeblieben war, wurde dann geschlagen und mußte mit dem Geheimdienst durch alle Bars im Westteil der Stadt gehen, in der Hoffnung, die anderen wieder zu finden. Aber die waren schon weg. Bis auf Eugen gingen sie alle in die USA. Einer von denen, ich glaube er heißt Bobby Marcu, lebt heute wieder in Deutschland, aber wo, weiß ich nicht.

    Eugen ging dann sofort nach West-Deutschland. Vermutlich nach München, Stuttgart und Zürich und spielte dort in Lokalen und Kabaretts. Es muss für ihn keine schöne Zeit gewesen sein, er sprach nicht gerne darüber.

    In dieser Zeit lernte er seine spätere Frau Lilli kennen und machte die berühmten MPS Aufnahmen.

    So um 1966 kam Eugen dann wieder nach Berlin. 1970 wurde sein Sohn Roger geboren. Er blieb in Berlin bis zu seiner Scheidung im Jahre 1980.

    Komischerweise hatten wir in Rumänien kaum Nachteile durch die Flucht von Eugen. Ceaucesco machte gerade die ersten Geschäfte mit dem Westen und er mußte die Familien der Geflohenen in Ruhe lassen. Trotzdem haben wir ständig in Angst vor Repressalien gelebt.
Wie können Sie Eugen als Mensch beschreiben?
    Eugen hat immer gerne Sachen erfunden, die gar nicht existiert haben. Er hat immer improvisiert und war eigentlich ein schwieriges Kind. Eugen war am Klavier ein in sich harmonischer Mensch, alle Tönen haben gestimmt und zueinander gepaßt, aber sobald er vom Klavier aufgestanden ist, war alles anders.

    Eugen war immer zu Späßen aufgelegt. Als er Evelyn Kühnnecke begleitete, die er über Helen Vita kennengelernt hatte, hat er bei einer Probe plötzlich aufgehört zu spielen. Auf ihre Frage, warum er nicht mehr weiterspiele entgegnete er: "Entschuldigung, wenn Sie so brüllen, bin ich gar nicht mehr zu hören!"
Wie kamen Sie nach Deutschland?
    Eugen spielte -so wurde mir später erzählt- immer wieder bei Hausfesten des Gerling Konzerns. Da muss ihn Hans Gerling einmal gefragt haben, ob er etwas für ihn tun könne. Eugen hat dann gesagt, er wolle seinen Bruder wieder sehen. Kurze Zeit später hatte ich dann plötzlich ein Ausreisevisum. Es wurde mir quasi aufgezwungen. Ich kam dann 1969 nach Berlin und sah Eugen nach fast sieben Jahren zum ersten Mal wieder.

    In Rumänien spielte ich zuerst Geige und dann Schlagzeug. Als mir plötzlich das Ausreisevisum präsentiert wurde, sollte ich gerade in der Bukarester Rundfunk Bigband als Drummer einsteigen. Als ich dann nach Deutschland kam, mußte ich feststellen, dass es hier schon sehr gute Schlagzeuger gabt und so habe ich dann auf Percussion umgestellt. Ich spielte 10 Jahre bei Paul Kuhn im SFB Orchester und später in seiner eigenen Big Band.

    Ich habe sehr spät mit Musik angefangen, meine Eltern wollten nicht noch einen Musiker in der Familie. Nachdem sie mit Eugen schon so Schwierigkeiten hatten, dachten sie vielleicht, die Schwierigkeiten kommen alle von der Beschäftigung mit Musik.

    So habe ich dann erst mit 18 Jahren mit der Musik angefangen. Wir hatten aber auch nicht so viel Geld um für zwei Kinder einen Lehrer zu bezahlen.

    Leider konnte ich mit Eugen nur zwei Aufnahmen machen ("Concerto" und "Nice to meet you"), da er im Grunde keine Percussion brauchte. Als er ca. 1980, nach seiner Scheidung von Lilli, zuerst nach München und dann nach Zürich ging, hatten wir aufgrund der großen Entfernung leider nicht mehr so viel persönlichen Kontakt. Ich mußte eben in Berlin arbeiten. Ich spielte weiter mit verschiedenen Big Bands, aber hauptsächlich mit Paul Kuhn.
Wie war der Kontakt mit den Eltern in Rumänien ?
    Ich weiß nicht wie das kam, dass meine Mutter einen ungarischen Geburtsnamen hatte. Ich habe letzten Sommer die Dokumente durchgesehen und stellte fest, dass der Vater meiner Mutter orthodox war, aber die Ungarn waren entweder evangelisch oder katholisch. Dennoch haben wir zuhause ungarisch und rumänisch gesprochen. So sind wir als Kinder zweisprachig aufgewachsen.

    Als unsere Eltern das Rentenalter erreicht hatten, haben sie uns öfter mal in Berlin besucht. Mein Vater ist dann leider schon 1982 verstorben. Meine Mutter starb im September 2002 mit 83 Jahren . Sie hat im Alter wieder in unserer Heimatstadt Klausenburg gelebt.
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