Marius Marcu
 
   
 
Marius Marcu,
einer der ersten Musiker die mit Eugen gespielt haben. Er war Mitglied der "Progressisti" und des "Ambassador-Jazz-Quintett", das im Herbst 1962 in Ost-Berlin im Café ZENNER gastiert hatte. Am 24. September trafen sich alle Musiker im Hilton in West-Berlin und er war der einzige, der wieder in den Osten zurückging, weil er seine Frau in Bukarest nicht allein lassen wollte. Er lebt heute in bei Lüneburg und in Bukarest und erzählt über seine Zeit mit Eugen:
    Ich bin 1927 in Siebenbürgen, Rumänien, geboren. Unsere Stadt hieß auf deutsch Straßburg und auf rumänisch Aiud. Meine Familie war deutschstämmig, somit war ich der einzige, der in der Kapelle von Eugen deutsch sprechen konnte.

    Mein Vater war Schuldirektor und spielte Violine, meine Mutter spielte Klavier. Als ich mit 4 Jahren eine Mundharmonika, konnte ich schon am ersten Abend ein Lied spielen.

    Als das mein Vater merkte, schickte er mich in die Musikschule, wo ich bei Paul Schönberger Akkordeon lernte. Er war damals vermutlich einer der besten Akkordeon und Bandoneonspieler der Welt.

    Schon auf der Schule fand ich Musiker, mit den ich zusammen spielen konnte. 1945 kam ein Musikfilm mit Glenn Miller nach Rumänien, den wir 38 Mal gesehen haben. Wir waren völlig begeistert und sagten, diese Musik müssen wir auch spielen. Wir haben dann eine Band gegründet, mit der wir genau diesen Sound gespielt hatten.

    1947 stellten wir fest, dass wir noch ein Saxophon brauchten. Die Wahl fiel auf mich, da wir sowieso das Akkordeon durch das Klavier ersetzen wollten. In einem halben Jahr konnte ich Saxophon und Klarinette gerade so gut spielen, dass ich in der Kapelle mitspielen konnte. Natürlich habe ich weiterhin noch Musikunterricht genommen.

    Inzwischen habe ich die Ausbildung zum Bauingenieur gemacht und dabei drei wunderbare Kollegen getroffen, mit denen ich eine neue Kapelle zusammengestellt habe. Außer mir spielten noch mit: Nini Pascalini an der Gitarre, Jan Gligor am Schlagzeug und Edmond Deda am Klavier, der auch unser Kapellmeister war. Er organisierte unsere erste Tournee nach Bulgarien.

    Wir waren unzertrennliche Freunde. Wir hatten in allem den gleichen Geschmack. Wenn wir am Abend ins Kino wollten, wählten wir unabhängig von einander den gleichen Film. Bei der Gala eines Fußballclubs gaben wir unser erstes öffentliches Konzert. Danach konnten wir sogar Tourneen machen, bis ans Schwarze Meer.

    1957 habe ich die Tätigkeit als Bauingenieur aufgegeben und habe mich ganz für die Musik entschieden. Das war nicht so einfach, weil ich ja Frau und Kind zu versorgen hatte.

    1958 haben wir mit Edmond Deda in Sofia, Bulgarien, im Hotel Balkan und am "Goldenen Strand" gespielt. Nach unserer Rückkehr in Rumänien ist Eugen zu uns gestoßen. Wir waren uns sofort sympathisch und wir haben gleich beschlossen, dass er mit uns spielt.

    Eugen spielte zu der Zeit mit dem großen rumänischen Geiger Jan Junesko im Lido. Es war als Saxophon und Klarinettenspieler Micky Ampoitan dabei, der in Überlingen im März 2005 verstorben ist.

    1959 spielten wir in Bukarest im Hotel Lido. Wir trennten uns von unserer Geigerin Jean Tonescu. Danach warteten wir fünf Monate bis wir die Erlaubnis bekamen in Bulgarien eine Tournee zu machen. Eugen konnte da leider nicht mitkommen.

    Wir haben vor dem Publikum nie mit Noten gespielt, das war keine Regel, sondern für uns normal. Dafür haben wir auch ständig geübt.

    Mit dem Orchester Electrocord, das von Theodor Cosma geleitet wurde, machte Eugen circa 1959 eine Schallplatte, die hieß "Omul pe Carel lubec" ("The Man I Love").

    Unsere Kapelle hieß jedoch "Progressisti". Dieser Name hatte auch eine politische Bedeutung, denn die Musik, die wir spielten war ja in Rumänien verboten. "Jazz" war damals in Rumänien ein gefährliches Wort.

    1960 machten wir mit Eugen in Bulgarien die Platte "The Two". Die Firma hieß Balkanton. Aufnahmetechnisch ist die Platte natürlich sehr schlecht, aber immerhin, es war unsere erste.

    Ich habe mit Eugen von 1958 bis 1962 zusammen gespielt. Unsere Kapelle bestand zuletzt in folgender Besetzung:

    • Zwei Sängerinnen
    • Nini Pascalini, Gitarre
    • Jan Gilgor, Schlagzeug
    • Bobi Marcu, Saxophon, Klarinette
    • Gesar Steingassner, Bass
    • Eugen Cicero, Piano


    Die Zeit, die ich mit Eugen verbrachte, war die schönste in meinem Leben. Er war mein bester Freund. Diese Zeit kann ich nie vergessen. Die Zeit war unbeschwert und wir waren nur gefesselt von der Musik. Wir waren perfekt. Wir haben aber auch viel geübt und später sofort alles vom Blatt gespielt.

    Eugen ist nicht gerne auf das Konservatorium gegangen. Das spürte man sofort. Was sollte er dort auch lernen? Sein Vater hat ihn zweimal dorthin geschickt. Die Eltern wollten nicht, dass er als Barmusiker endet. Eugen mußte seinen Eltern immer verschweigen, wenn er mit uns in einem Hotel spielte. In Rumänien war es für einen Musiker eine Beleidigung, wenn er auf dem Konservatorium war, er aber gleichzeitig in einem Restaurant spielen mußte.

    Wir machten Tourneen durch die Tschechoslowakai und in die damalige DDR. In Ost-Berlin, im Café Zenner hatten wir für zwei Monate ein tolles Engagement, das war wunderbar. Wir wohnten im Hotel Adlon, das damals schon die beste Adresse am Ort war und spielten Stücke, die für unsere Besetzung völlig ungewöhnlich waren. So haben wir die "Rhapsody in Blue" gespielt und dann den Leuten mit dem "Can-Can" eingeheizt. Als Zugabe spielten wird den "Säbeltanz" und die Leuten wurden völlig verrückt.

    Wir sind mehrmals mit einem Eintagesvisum nach West-Berlin gegangen. Wir waren naiv! Wir haben gestaunt, denn da drüben war ein völlig anderes Leben. Fast am Ende unseres Vertrages mit dem Café Zenner kam dann der
    24. September 1962,
    an dem sich unser Leben entschieden hatte: Wir saßen zusammen im Hotel Hilton beim Bier und diskutierten darüber ob wir uns absetzen oder wieder in den Osten zurückkehren sollten. Plötzlich fiel die Entscheidung: "Wir gehen nicht zurück!"

    Leider bin ich als einziger zurückgegangen, weil ich in Bukarest schon Frau und Kind hatte. Ich befürchtete, dass sie dann Repressalien bekommen würden.

    Schade, denn die Kapelle ist danach natürlich auseinander gebrochen. Ich war für die Kapelle eine Art "Katalysator".

    Die anderen gingen in die USA, Eugen setzte sich nach West-Deutschland und ging dann gleich in die Schweiz ab. Dort fühlte er sich am sichersten. Es war ja die Zeit des Mauerbaus und sog. "Kalter Krieg" und wir hatten alle Angst vor den Geheimdiensten.

    Nino Pascalini, der sich den USA "Nini" nannte und eine der Sängerinnen geheiratet hatte und heute in Los Angeles lebt, hat 1991 ein Buch über die Geschichte unserer Kapelle und die Flucht geschrieben. Es kam unter dem Titel "Rumanian Connection" in Rumänien auf den Markt. Leider gibt es das Buch nur auf rumänisch.

    Auch der Bassist (ein pensionierter Bankdirektor) und eine Sängerin leben heute in Amerika.

    Der Schlagzeuger Jan Gilgor ist 1987 in Frankreich gestorben.

    Diese vier Jahre mit diesen Musikern waren wunderbare Jahre. Jahre, ohne jede Reklame und Schnickschnack. Wir haben Musik gemacht wie die Teufel und alles war perfekt. Wir haben alles bis ins kleinste Detail einstudiert.

    Ich habe EUGEN dann 1968 in Berlin wieder getroffen. Ich spielte auf einem Schiff im Nordatlantik. Wir kamen über Berlin zurück, wo wir ein Vorspiel hatten und nochmals im Café Zenner spielten. Danach spielte ich viele Jahre in Deutschland und Schweden in Cafés und Kurhotels. Eugen war inzwischen mit Lili verheiratet, die wir alle schon in Bulgarien kennengelernt hatten, als sie dort mit Circus Busch gastierte.

    Sein Tod ist für mich heute immer noch ein Fragezeichen. Wir haben zwei Wochen vor seinem Tod zusammen telefoniert. Er war deprimiert und sagte, seine Musik wird hier nicht mehr gemocht, nur noch in Japan. Wir schmiedeten Pläne und wollten wieder zusammen spielen. Plötzlich sagte er "das ist machbar" und nach zwei Wochen war er tot.

    Eugen war leider ein schlechter Verkäufer, er hatte ja keinen Agent. Als er mich einmal fragte, ob ich sein Sekretär werden möchte, habe ich "nein" gesagt. Ich war dumm, das tut mir heute noch leid!

    Es gibt von Eugen unglaublich gute Aufnahmen. Hören Sie mal "SUNNY"! Eugen spielt das zuerst "rhapsodisch" und dann macht er einige unglaubliche Kadenzen und dann geht er in den Rhythmus. Das kann kein Pianist der Welt so spielen, -nur Eugen!

    Man kann durchaus Eugen mit Oscar Peterson vergleichen. Ich meine, Eugen war als Pianist einfach besser. Auch wenn die Leute sagen: "Cicero ist sehr gut, aber was er spielt ist kein reiner Jazz", dann ist das kein Argument gegen sein Können am Klavier. Er hatte einen einmaligen Anschlag, spielte mit unglaublicher Leichtigkeit aus dem Bauch heraus. Eugen hat gespielt, so wie man bei Kindern sagt: "sie spielen", ...so hat Eugen mit dem Klavier sich gespielt. Das ist meine Meinung! Verstehen Sie? Ich habe nie mehr in meinem Leben mit jemand so gespielt wie mit Eugen.

    Eugen steht immer noch vor mir, diese Erinnerungen werde ich erst dann verlieren, wenn ich ihn wieder treffe.

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