Wilhelm Krumbach
 
1937 - 2005
 

Wilhelm Krumbachs Lebensweg als Mensch und Künstler

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    Wilhelm Krumbach wurde am 25. Juli 1937 in Neustadt bei Coburg in Franken als Sohn des Studienrats Wilhelm Krumbach und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Will, geboren. Sein Vater war am dortigen Städtischen Gymnasium Lehrer für Mathematik und Physik. Schon ein halbes Jahr später zog die Familie in die Pfalz, die Heimat seines Vaters, welcher aus Zweibrücken stammte und im Frühjahr 1938 eine Stelle an der Oberrealschule in Landau, dem heutigen Otto-Hahn-Gymnasium antrat. Seitdem lebte Wilhelm Krumbach in Landau.

    Bereits in allerfrühester Jugend, etwa mit zwei Jahren, zeigte sich sein Interesse für Orgelmusik, wie seine Mutter zu berichten weiß. Denn immer wenn sie mit dem kleinen Wilhelm zum Einkaufen ging, man dabei an der geöffneten Tür der Landauer Stiftskirche vorbeikam und Orgelklänge zu vernehmen waren, zog es das Kind in die Kirche; an die Fortsetzung der Einkäufe war erst dann zu denken, wenn der Organist sein Spiel beendet hatte.

    Diese Neigung lag in der Tradition der musikalisch interessierten Familie. Sein Vater war ein tüchtiger Geiger, seine Mutter eine gute Pianistin - sie hatte das Klavierspiel Anfang der dreißiger Jahre bei einer der letzten Schülerinnen Franz Liszts in Weimar erlernt. 1939 wurde der Vater zum Kriegsdienst eingezogen. Im Jahr 1940 wurde seine Schwester Gertraud geboren. Die unruhigen Zeiten der letzten Kriegsjahre verbrachte die Mutter mit den beiden Kindern in ihrer fränkischen Heimat in Hellingen, dort ging er auch zur Volksschule.

    Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Landau zurück; Wilhelm Krumbach besuchte dann das Gymnasium, an dem sein Vater wieder lehrte, und erhielt daneben eine seinen Interessen entsprechende und seinen Fähigkeiten bestens fordernde umfassende musikalische Ausbildung. Sein Lehrer im Orgelspiel war Adolf Graf, der langjährige Kirchenmusikdirektor der protestantischen Kirche der Pfalz.

    Erst 12 Jahre alt, übernahm er seit 1949 regelmäßig Organistentätigkeiten in mehreren Gemeinden. Im August 1952 traf die Familie durch den plötzlichen und allzu frühen Tod des Vaters ein schwerer Schicksalsschlag Gleichwohl setzte sich die Mutter weiterhin mit aller Kraft für die musikalische Ausbildung ihrer beiden Kinder ein. So legte Wilhelm Krumbach im Jahre 1955 nicht nur das Abitur ab. sondern unmittelbar danach auch - mit Ausnahmegenehmigung - das Kirchenmusiker-Diplom mit gleichzeitiger Anerkennung der Konzertreife als Organist.

    An der Universität Mainz studierte er dann Musikwissenschaft und Germanistik, hinzu kamen Philosophie und auch Theologie. 1957 erhielt er das Gutenberg-Stipendium seiner Universität. Neben dem Studium - und zu dessen Finanzierung - nahm er eine intensive Konzerttätigkeit auf und spielte Werke für Rundfunksender im In- und Ausland ein. Zu dieser praktischen Musikausübung trat eine akribische Forschung in Bibliotheken und Archiven hinzu, deren Ziel die Sichtung des vorhandenen Materials vor allem der Orgel- und Cembalomusik war. Damit hatte er geradezu von selbst seinen wahren Beruf, den eines freischaffenden Organisten und Musikwissenschaftlers gefunden.

    Im Jahre 1966 begründete er die ,,Fränkischen Orgeltage", die er 32 Jahre lang bis 1998 künstlerisch leitete. Bei den Orgeltagen" handelte es sich um eine Konzertreihe, die jeweils in der Pfingstwoche jeden Abend ein Konzert mit Musik für Orgel allein oder mit anderen Instrumental- oder vokal Solisten an den zahlreichen historischen Orgeln Frankens bot. Das geistliche und geistige Zentrum der Orgeltage war zunächst das gastliche Pfarrhaus von Pfarrer Adolf Schreiber und seiner Frau Dora zu Lahm im ltzgrund. An der Orgel der Lahmer Schlosskirche spielte Wilhelm Krumbach zahlreiche werke Johann Sebastian Bach sein; diesen Aufnahmen kommt heute in aller Welt Referenzcharakter zu. Später verlagerte sich das Zentrum der "Fränkischen Orgeltage" nach Hellingen, der Heimat seiner Mutter, aus zwei Gründen. Zum einen hatte einer der besten Freunde von Wilhelm Krumbach, Hans Schreiber, der Sohn von Adolf, die Planstelle in Hellingen übernommen und die Organisation der ,,Orgeltage" von seinem Vater sozusagen geerbt; zum anderen befindet sich dort der Familiensitz, ein altes Bauernhaus das von Wilhelm, seiner Mutter (und auch mir) gerne als Refugium benutzt wurde und wird.

    Doch kehren wir zurück zu den wichtigen Stationen im Leben Wilhelm Krumbachs. An Pfingsten 1968 verlobte er sich in Lahm mit Dr. med. Susanne Seel; beide hatten sich schon 1954 in der evangelischen Jugendkantorei der Pfalz kennen gelernt. Sie heirateten im Dezember 1968; im Februar 1970 wurde den Eheleuten die Tochter Elisabeth geboren, im März 1973 Dorothea. lm August 2004 durfte er sich über die Geburt seines ersten Enkels, Janek, freuen.

    Wilhelm Krumbachs Bedeutung als Musiker und Musikwissenschaftler zu würdigen, werden heute Abend andere übernehmen. Daher seien nur wenige Daten hervorgehoben:

    Seine Konzertreisen führten ihn durch fast alle Länder Europas, Afrikas und Asiens. Er hat nicht nur weit über 100 Schallplatten und CDs eingespielt, sondern seit seinem Radio-Debüt beim Südwestfunk Mainz 1953 als Solist und Autor auch über 2000 Rundfunksendungen produziert, unter anderem große Zyklen wie die ,,Deutschen Orgellandschaften" dieser in der Fachwelt inzwischen gebräuchliche Ausdruck ,,Orgellandschaft" ist übrigens eine Wortschöpfung von Wilhelm Krumbach), die ,,Musik an Höfen und Residenzen", den ,,Musikbarock am Mittelrhein" und vieles mehr. Ein spezielles Interesse galt dabei der bisher völlig unerforschten Musikgeschichte der Pfalz. Gerade im Rahmen dieser Untersuchungen gelang ihm 1982 mit der Entdeckung und 1985 mit der Erstaufführung von 60 bisher völlig unbekannten Orgelchorälen von Johann Sebastian Bach eine weltweite Sensation. Nicht weniger gefreut haben ihn allerdings auch die Entdeckungen unbekannter Orgelwerke von Beethoven, Brahms, Liszt, Reger oder Frescobaldi um nur einige Namen bekannter Komponisten zu nennen.

    Den rastlos Arbeitenden ereilte im Jahr 1985 ein erster Schlaganfall. 1993 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Ein zweiter Schlaganfall machte 1999 die Ausübung der künstlerischen Tätigkeit abrupt unmöglich. Am 4. Oktober 2002 ehrte der Chor der katholischen Universität Mailand Wilhelm Krumbach anlässlich seines 65.Geburtstags mit einem Konzert in Junkersdorf in Franken. Zwei Tage später spielte Wilhelm Krumbach beim Erntedankgottesdienst in Hellingen die Orgel, begleitet vom Mailänder Chor und, wie immer, frei über die Melodien der von der Gemeinde gesungenen Choräle improvisierend, zuletzt über ,,Ich singe Dir mit Herz und Mund" von Paul Gerhardt. An diesem freudigen Tag konnte niemand erahnen, dass es das letzte Mal gewesen sein sollte, dass er sich auf eine Orgelbank setzte.

    Denn knapp drei Wochen später erlitt er einen dritten Schlaganfall, der seine Gesundheit wesentlich schwerer traf als die vorangegangenen.

    A m Mittag des 27. August 2005 ist Wilhelm Krumbach in Speyer sanft entschlafen.

    Eine besondere Liebe verband Wilhelm Krumbach immer mit Italien, wo er gerne und oft konzertierte. Dies muss ich hier in der Aula Magna der katholischen Universität zu Mailand nicht betonen. Doch will ich aussprechen, dass dieser Abend für die Familie Wilhelm Krumbachs nicht nur eine große Ehre darstellt, sondern vor allem ein bewegendes Zeugnis der Zuneigung.

    Hans-Dieter Spengler     Mailand, am 7.10.2005


Krumbach

    25. Juli 1937 Neustadt bei Coburg
    27. August 2005 in Speyer

    Für mich ist Wilhelm Krumbach ein Vorbild und ein Lehrer gewesen, von dem ich Vieles gelernt habe. Sein Leben und sein Schaffen waren im Spannungsfeld zwischen Alt und Neu, Forschung und lebendiger Musik, Glaube und Kunst. Als Mann der Synthese war er ein Vorbild auch für das akademische Leben, zu dem wir berufen sind.

    Schönen Dank, Wilhelm, für die Geduld, die Du oft in unseren Gesprächen gezeigt hast. Immer wieder hast Du uns den richtigen Weg gezeigt.

    Neugierig hast Du mit steter Bewunderung alles eingesehen und alles angehört, bis Du die richtige Wahl getroffen hast. Immer hast Du das Wahre und das Schöne vorgezogen Dein Gedenken bleibe in uns lebendig. Deine Freundschaft sei eine Hilfe und ein Zeichen der Hoffnung. Schönen Dank, Wilhelm!

    Giacomo Baroffio


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