Eugen Cicero,

wurde 1940 als Sohn rumänisch-ungarischer Eltern in Klausenburg (Siebenbürgen) geboren. Er machte schon in frühester Jugend auf seine musikalische Begabung aufmerksam. Vom vierten Lebensjahr an erhielt er Klavierunterricht durch die renommiertesten Pädagogen seines Landes.

Aurelia Cionca vermittelte ihm den brillanten Anschlag, während ihn Ana Pitis in den Geist der von Franz Liszt verkörperten Virtuosentradition eingeweiht hat. Hochschulstudien in Instrumentation und Komposition legten dann weitere Grundsteine für seine außergewöhnliche Karriere. Eine akademische Laufbahn schien dem jungen Künstler jedoch ebenso einengend wie die eines konventionellen Konzertpianisten. Offenheit für alles Neue und Entfaltungsfreiheit wurden für Eugen Cicero wichtigste musikalische Lebensgrundsätze.

Aufgewachsen in einem kommunistischen Land, erwies sich für ihn die Swing-Musik als geradezu magische Inspirationsquelle. So konnte es nicht ausbleiben, dass ihn Anfang der 60-er Jahre seine erste Tournee in den Westen auch nach Berlin, dem Schmelztiegel des europäischen Jazz, führte. Dort begegnete Cicero einer Vielfalt von Stilen, wobei er es vorzüglich verstand, alle wesentlichen Impulse für sich nutzbar zu machen. Nach und nach kristallisierte sich als sein persönlicher Stil der sog. Classic-Swing heraus, ein harmonischer Brückenschlag zwischen der klassischen Musik und Mainstream-Jazz.

Eine breite und begeisterte Resonanz auf dieses Novum ließ nicht lange auf sich warten. Das Erfolgsrezept: Man wähle Perlen aus Barock, Klassik und Romantik, gebe reichlich Swing und Harmonie dazu und bearbeite diese Zutaten mit begnadeten Händen so lange, bis sie zu eigenständigen und zeitlosen Meisterwerken herangereift sind.

Zahlreiche Musiker hatten sich bereits im Grenzbereich dieser, im Grunde gegensätzlichen, Welten versucht, aber keiner konnte, wie Cicero, auf einen Fundus zurückgreifen, der eine stilistisch akzeptable Synthese ermöglicht hätte. So ist Eugen Cicero bis heute der eigentliche Exponent des sog. Classic-Swing geblieben.

Für eine angemessene Beurteilung von Ciceros Schaffen ist es unverzichtbar, sowohl mit dem Intellekt als auch mit dem Herzen zu hören. Cicero liebte die Musik wie auch die Menschen. Er spielte nie um seiner selbst willen, sondern immer für "sein" Publikum, das er verzaubern wollte. Er traf für jedes Konzert eine Werkauswahl, bei der sowohl die Klassikfreunde als auch Jazzpuristen auf ihre Kosten kamen; vor allem aber erhöhten Spontaneität und Improvisationsfreude, mit denen er seine Stücke immer wieder neu anrichtete und servierte, seine Konzerte zu einer Art von Kunstgenuß, der heute in unseren Konzertsälen selten geworden ist.

Eugen Cicero erhielt 1976 den deutschen Schallplattenpreis für die Bearbeitung von Franz-Schubert-Kompositionen. Neben über 70 Tonträger und zahllosen Fernsehaufnahmen im In- und Ausland, hat er wegweisende Einspielungen mit den Berliner und den Münchener Philharmonikern vorgelegt.

Konzertreisen führten ihn bis kurz vor seinem frühen Tod im Jahre 1997 regelmäßig nach Japan, wo er sein treuestes Publikum hatte und zuletzt fast Kultstatus erreichte.

Eugen Cicero machte es der Presse nicht leicht, wenn sie versuchte sein Klavierspiel zu charakterisieren. Das Prädikat von den "Golden Hands", das ihm zeitlebens anhing, zeigt, dass Musikliebhaber und Rezensenten inmitten einer Zeit rasanter Umbrüche seine Qualitätskonstante zu schätzen wußten.

Heute noch, nach über 40 Jahren, steht der Name Eugen Cicero für faszinierende Virtuosität, phänomenales Rhythmusgefühl und einem unerschöpflichen Erfindergeist am Klavier.

(Thomas Blaser, Überlingen, 2000)