Cicero's Chopin
Saba, 1965

-JOACHIM ERNST BERENDT-

Es war im Sommer 1964 in Zelezowa Wola -nicht weit von Warschau. Halina Czerny-Stefanska, die große polnische Pianistin, spielte im Wohnzimmer von Chopins Geburtshaus -die Fenster standen geöffnet- und die Musik tönte weit hinweg über den prächtigen Park, in dessen Mitte das einfache, alte Gartenhaus des Meisters steht. Wir waren von Warschau zu einer der sonntäglichen und sommerlichen Matineen herübergefahren, auf denen Chopin's Musik dort erklingt, wo der junge Komponist die entscheidenden Jahre seiner Jugend verbracht hatte.

Aber noch bevor wir die dicht gedrängten, auf dem Rasen rings um das Haus sitzenden sommerlich gekleideten Zuhörer erreichten, trafen wir auf eine Gruppe Warschauer Teenager. Unbekümmert um die festliche Stimmung tanzten sie zum Nocturne, op 37, Nummer 1, -zugegeben: dem "blues-igsten" der Nocturnes -einem "Surf", wie er gerade in diesem Sommer bei der tanzenden Jugend Westeuropas und Polens modern geworden war. "Es ist doch Chopin", sagte ein weißhaariger, älterer Herr in leicht tadelndem Ton. Aber die Teenager hatten nur einen "Na und?"-Blick und "surften " weiter "Chopin Blues".

An diese Szene mußte ich denken, als ich "Cicero's Chopin" zum erstenmal hörte. Cicero sagt: "Chopin war schon immer etwas Besonderes für mich. Ich meine, ich hab ihn nicht so phantastisch gespielt, wie er gespielt gehört, Niemand kann ihn gut genug spielen. Aber ich fühle ihn. Mir liegt diese Art Traurigkeit und Melancholie. Es ist meine Art, Musik zu empfinden. Vielleicht hängt das mit meiner rumänischen Herkunft zusammen -mit dem Slawischen. Bei uns zuhause klingen viele Volksweisen wie Chopin. Es gibt das gleiche leise und zarte Filigranwerk darin. Ich hab die Préludes schon gekonnt, als ich acht oder neun war.

Wenn ich heute Chopin spiele , mit Charly Antolini und Peter Witte, dann fühle ich einfach, es ist hübsch ihn so zu spielen, wie wir das tun. So ungefähr hätte er selbst es gemacht, wenn er heute lebt -nur natürlich viel, viel besser. Eine so poetische lyrische Musik wie den Bossa Nova aus Brasilien -ich bin ganz sicher: Chopin hätte sie geliebt. Deshalb habe ich das E-moll-Prélude zu einem Bossa Nova gemacht. Am meisten gefallen mir die Klarheit und die Einfachheit und die Zartheit des Filigrans bei Chopin. Darin ist er den Komponisten des Rokoko -Scalatti zum Beispiel- nahe".

Chopin war der nächste, der logische Schritt nach Cicero's Platte Rokoko Jazz (SB 15 027). Er war es nicht nur für Cicero. In Frankreich versucht Benjamin Walter, sich zu einem "Loussier Chopins" zu machen. Und als die Swingle Singers sich in die Romantik vor-swingten , war Chopin stärker vertreten als irgendein anderer Komponist des 19. Jahrhunderts, seine Stücke erscheinen als die am besten gelungenen auf der romantischen Swingle-Platte.

Aber gleichwohl -auch diesmal hebt sich Cicero von allem Vergleichbaren ab: durch die Intensität seines Jazzfeelings. Das ist der

unterschied zwischen Eugen Ciceu -genannt Cicero- und all den anderen, die sich in diesen Jahren an barocke klassische und romantische Kompositionen gewagt habe: Cicero jazzt! Percy Heath vom Modern Jazz Quartett hat das gespürt, als er Rokoko Jazz hörte und Cicero -ohne in persönlich zu kennen -nach Berlin einlud, um- während der Berliner Jazztage 65- mit ihm spielen zu können.

Besonders deutlich wir dieses Jazzfeeling im Prélude C-moll -für mich (und auch für Cicero selbst) das Glanzstück der Platte: wie Cicero da nach der Themenvorstellung "losgeht", die Blockakkorde in federndem Swing gegeneinander- und dann wieder voneinander-fortstoßend, das macht ihm von den "Jazz-Klassikern" (und auch von den "Jazz-Romantikern") dieser Jahre keiner nach. Man muss da schon an die großen Jazz-Pianisten Amerikas denken -an Milt Bruckner oder Oscar Dennard vor allem. Von Ihnen scheint unser rumänischer Wunderpianist seine Blockakkord-Technik zu haben- nicht (wie man eigentlich vermutet hat) von dem glatten und gefälligen George Shearing.

Auch in der E-Dur Etude wird das deutlich -mit ihrem vorgezogenen Seitenthema. Das Hauptthema nämlich -als "In mir klingt ein Lied" zu Film - und Schlagermusik verkitscht- ist Cicero zu sentimental, um auch nur annähernd im Original in Erwähnung gezogen zu werden. Wenn Cicero schließlich doch dazukommt, dann ent-melancholisieren es wieder die Blockakkorde, gleichzeitig hart und elastisch: "In mir swingt Chopin" Cicero: "Denn wissen Sie, Chopin ist nicht schuld, dass die Leute das zu einer Schnulze gemacht haben. So würde es ihm viel besser gefallen". Schließlich floh Chopin ja auch deshalb nach Mallorca weil er es nicht mehr ertragen konnte dass jeder Stehgeiger seine Melodien wimmerte.

Aber lassen Sie mich noch einen Augenblick beim C-moll Prélude verweilen. Man weiß, dass Chopin seine Préludes -24 Stück im Quintenzirkel durch alle Tonarten -als romantisches Gegenstück zu den Päludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers geschrieben hat. Wie gesagt: man weiß es, man hat es im Klavierunterricht gesagt bekommen. Hören kann man es im originalen Chopin kaum. Aber man hört es bei Cicero! Ich kenne keine anderen Aufnahmen der Péludes, bei denen die programmatische Verneigung vor Bach und seinem Klavierwerk so deutlich würde wie hier -vor allem beim C-moll Prélude.

Cicero wählte drei Préludes, zwei Walzer und eine Etude. Die Präludien also dominieren. Sie sind die vielleicht reinste, klarste Musik, die Chopin geschrieben hat -befreit vom Polnischen der Mazurken und Polonaisen, von der Pariser Salon-Atmospäre der Walzer und vom Modischen der Nocturnes. Chopin komponierte die meisten von Ihnen im Winter 1838/39, nachdem er mit der Schriftstellerin und Dichterin George Sand und deren beiden Kindern nach Mallorca gegangen war -auf der Flucht vor dem kalten Winter in Paris, den lauen französischen Salons und den hitzigen Verehrern Georges.

Das Paar -längst schon durch Franz Liszt miteinander bekannt, aber doch erst seit dem Sommer ein Liebespaar- hatte gehofft , auf der Mittelmeerinsel Wärme und Beschaulichkeit zu finden. Aber nun blies ein eisiger Nordwind durch das nur für die Sommeraufenthalte bestimmte Haus: Damals, auf Mallorca, holte sich Chopin die Lungenentzündung, die ihn von nun an nicht mehr verlassen sollte. Aber es wurde ihm auch deutlich, wie vieles an seiner Musik "angenommen" war: Nationales und "Modernes ". Das alles vergaß er jetzt -oder drängte zurück. Bach galt ihm als der große Lehrmeister. Deshalb schrieb der die Préludes. Deshalb fanden wir, sie seien seine reinste Musik. Und deshalb sind wir verblüfft, wieviel von dieser Bach-Bezogenheit in "Ciceros Chopin" spürbar wird.

Chopin ist 1810 in Zelazowa Wola bei Warschau geboren, Eugen Ciceu in Klausenburg in Rumänien. Die 130 Jahre die dazwischen liegen, schwingen und "swingen" in "Ciceros Chopin". Dies ist "Chopin 1966" aus seiner souveränen Überschau abendländischer Musik (wie schon in Cicero's Bach-,Scarlatti- und Mozart-Aufnahmen), aus großer Ehrfurcht und tiefem Respekt und doch aus dem Geist unserer Zeit -aus dem Geist eines slawisch-romanischen Musikers, der es als unrealistisch empfände, wenn er in den sechziger Jazhen des 20. Jahrhunderts so tun müßte, als ob's keinen Jazz gäbe.

Vielleicht begründet sich die faszinierende Chopin-Ciceu-Entsprechung auch in dem, was Chopin selbst sein "Zal" (sprich "Djal") genannt hat: die uralte, unverwechselbare, polnische Wehmut und Melancholie ohne einen Schatten von Sentimentalität. Benjamin Walter und Pierre Liozeau in Frankreich haben darauf hingewiesen, dass "Zal" dem Blues verwandt ist. Loizeau spricht vom "Blues-Zal". Den berühmten 35 Sekunden des Andantinos (Prélude A-Dur) gibt Cicero in den ergänzenden 16 Takten, die er dazuschreiben mußte, damit eine Jazzforn daraus wird, erst einmal Blues Atmosphäre -und erst dann setzt er mit Art Tatum'scher Bravour dazu an, das Thema -50% Chopin, 50% Ciceu- zu behandeln, als sei's ein alter Jazz-Standard.

Und im Cis-moll Walzer gibt es eine Stelle , wo Cicero Hals-über-Kopf (und ich möchte wetten, ohne dass er es selber merkt) einen ganz-und-gar chopinesken, chromatisch abwärts gehenden Überleitungslauf zur richtigen, traditionellen Blues-Kadenz macht. Achten Sie auch auf die Ironie, mit der Cicero den romantischen Salon Walzer mit einer Soul-Waltz-Figur aus den schwarzen Gospelkirchen Amerikas unterlegt. Auch das schafft Blues-Atmosphäre.

Aber achten Sie auch darauf, wie's weiter geht: Ein paar Takte später im gleichen Stück, wird aus dem steigenden und fallenden Geranke des zweiten Themas die ziselierte Schärfe der "single note"-Linien von Bud Powell.

Man spürt: da kommt das Jazz-Piano her- von der Romantik. Und dahin geht's hier wieder zurück. Von den Romantikern haben sie alle gelernt, die großen Jazzpianisten -von Scott Joplin, dem Ragime-Mann im amerikanischen Mittelwesten des vergangenen Jahrhunderts, über Willie the Lion Smith', "Echo of Spring" bis zu Bud Powell's "Glass Enclosure". Die Rhythmusgruppe -so prächtig sie swingen mag- ist dabei oft nur ein Schild , hinter dem die Pianisten ihre Romantik verbergen und schützen.

Kein Zweifel: Peter Witte am Baß und der Schweizer Schlagzeuger Charly Antolini bilden eine großartige Rhythmusgruppe -von jener Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit, die Cicero's Chopin" verlangt.

Cicero hatte sich auf den Fahrt von München nach Villingen , wo diese Platte aufgenommen wurde, eine schwere Grippe geholt. "Wissen Sie", sagte er, "Ich hab viel Fieber in diesen Tagen gehabt. Aber das ist gar nicht mal schlecht. Ich spiele besser, wenn ich Fieber habe. Fieber ist gut. Chopin hat auch immer viel Fieber gehabt."

-JOACHIM ERNST BERENDT-
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