SWINGING CLASSICS
Compilation of "Swinging Tschaikowsky" & "Romantic Swing Liszt"

Romantic Swing Liszt - Saba, 1968

Eugen Cicero ist von der europäischen Jazz Szene nicht mehr wegzudenken. Sein Name wurde rasch zu einem Begriff für die musikalische Intelligenz, brillante Piano-Technik, unerschöpflichen Ideenreichtum und ein phänomenales "Rhythm-Feeling". Im März 1965 gab er ein Plattendebüt bei MPS. Die erste Langspielplatte hieß "Rokoko Jazz" und die Produzenten Hans Georg Brunner-Schwer und Willi Fruth konnten sich freuen. Ihr Mann am Piano überzeugte mit seinen Couperin- Bach-, Scarlatti- und Mozart-Adaptionen nicht nur die Kritiker, sondern sogleich auch ein breites Publikum. Die Platte wurde ein Bestseller. Zum Erfolg trugen Bassist Peter Witte und Drummer Charly Antolini wesentlich bei. Statt sich nur anzupassen, gelang Ihnen die perfekte Integration. Cicero hatte sein Traumtrio.

Chopin, Tschaikowsky und nun Franz Liszt -es ist weiter nicht verwunderlich, dass die slawische Empfindsamkeit Cicero immer wieder inspiriert, denn er stammt selbst aus Rumänien, wo er in Klausenburg am 27. Juni 1940 geboren wurde. Bei Franz Liszt mag ihn vor allem die betont sinnenhafte melodische Rhetorik gereizt haben, die von einer so urmusikalischen Kraft durchwirkt ist. Und wie bei Chopin und Tschaikowsky finden wir auch im Werk Liszt ausgeprägte kosmopolitische Züge.

In einer alten Ausgabe der französischen Monatsschrift "Europe" (Februar 1948) fand ich einen ausgezeichneten Aufsatz über "Franz Liszt und die Muse der Rhapsodie", der ein ganz anderes Bild des Virtuosen und Komponisten entwirft als die einschlägigen Biographien. Und dieses Bild dürfte uns dazu verhelfen Liszt vielleicht doch aktueller zu sehen als jene Historiker, die nur den exzentrischen Romantiker und Programmusiker (Programmusik ist beschreibende Musik, die literarische, malerische, landschaftliche Eindrücke usw. wiedergibt) gelten lassen.

Der Verfasser des oben genannten Aufsatzes, Vladimir Jankélévitch, betonte, als "Bürger des freien Europas der freien Geister " habe Liszt überall "im Dienste des Rechts" gestanden.

"Auch er hat seine Züchtigungen der großen Tradition der revolutionären und befreienden Kunst des 19. Jahrhunderts hinzugefügt. Alle Geknechteten sind seine Freunde ...Prometheu, Mazappa, die Ausgebeuteten, die Zigeuner, alle Opfer wahnwitziger Tyrannei, alle 'Mühseligen und Beladenen'...finden in Liszt einen Verteidiger. Er ist nicht der , der gleichgültig bliebe, wenn die Rechte der Menschen , ja die Gerechtigkeit schlechthin auf dem Spiele stehen! Mehr noch: Orpheus. 'Ce qu'on entend sur la Montagne', die Hunnenschlacht, ja sogar die Vogelpredigt des heiligen Franz von Assisi, sie alle bedeuten, jedes auf seine Weise, einen Sieg des Menschen und des Menschlichen über die Brutalität...." (Auch das muss man einmal berücksichtigen, wenn von "Programmusik" die Rede ist.)

Und auf das sich ausbreitende Industriezeitalter Bezug nehmend, meint Jakéléwitch: "Der Pianist ist ein Geschöpf mit zwei giffähigen Händen, deren Daumen den übrigen Fingern gegenübergestellt werden kann; mitten im Zeitalter der Maschine entwickelt das Klavierspiel, ohne Maschine und Werkzeug , die Kultur der Hand bis zur höchstmöglichen ...Spannung....die Lisztsche Musik, gleich der Albeniz und Balakirev, ist werdende Instrumentierung; bisweilen, wie in 'Sursum Corda', bedarf er nur vier Noten, um sich mit der Symphonie des Weltalls zu messen; aber an hundert Armen hätte dieser Riese der Neuzeit, dieser erfindungsreiche Antäus des 19. Jahrhunderts, nicht genug für alles, was ein Klavier an Wirkungsmöglichkeiten in sich birgt. Unmöglich, hier all die manuellen Neuerungen aufzuzählen, die das Klavierspiel dieser revolutionären Technik verdankt! Da sind zunächst die extravaganten und respektlosen Fingersätze, die nur durch phänomenale oder nahezu athletische Fähigkeiten und eine außergewöhnliche Spannweite der Hand ermöglicht werden (z.B. in 'Ricordanza'). Kein akademische Tabus, keine verpönten Gesten, keine verbotenen Fingersätze mehr.... Alles ist erlaubt, wenn es gilt, eine Klangwirkung hervorzubringen, und Liszt würde im Notfall mit Ellbogen und Fäusten spielen.... Insbesondere die Virtuosität ist Mobilisierung der durch das kinematische Prinzip elektrisierten Rede, die Befreiung der beflügelten Bewegung."

Man verzeihe die Ausführlichkeit dieser Zitate , die man noch seitenlang fortsetzen könnte. Sie stünden nicht hier, würden sie nicht über die nur musikhistorische Präsenz eins Liszt weit hinausweisen, vielleicht sogar herüber in jeden Teilbereich des Jazz, der dem rhapsodischen Element verpflichtet ist. Und es erscheint mir auch durchaus nicht abwegig, im Zusammenhang mit obigen Ausführungen einmal über die Entwicklungstendenzen des frühen Piano-Jazz (nicht stilistisch, sondern technisch) nachzudenken. Was schließlich CICERO anbelangt, so soll nicht ungesagt bleiben, dass er sich mit den Liszt-Adaptionen seine bisher schwierigste (neuschöpferische) Aufgabe gestellt hat.

So interessant es wäre, das facettenreiche Leben und Werk Liszts noch ein wenig aus ungewohnter Perspektive zu beleuchten: hören wir uns jetzt lieber Ciceros Auffassung zum Thema an! Da fällt mir gerade CHARLIE PARKER ein, der einmal sagte: "Musik ist, was Du selbst erfahren hast, was Du selbst denkst und was nur du weißt. .... Sie wollen Dir weismachen das Reich der Kunst sei von einer Grenze umgeben, aber Menschenskind, die Kunst hat keine Grenzen"

Mit anderen Worten: ganz gleich , wie dein Thema heißt, es wird immer eine eigene Geschichte daraus, deine Geschichte. Erzähl' sie so oder so, nur erzähl sie gut, erzähl' sie jazzig...."

Ciceros Piano-Stories über Themen von Franz Liszt sind von einem fast übermütigen Temperament inspiriert. Nur in den einleitenden Takten zur "Ungarischen Rhapsodie Nr. 2" identifiziert er sich mit dem melancholischen Pathos der musikalischen Vorlage, um dann aber rasch zur Sache zu kommen. Das ist nicht respektlos gegenüber Liszt gemeint.

Ich will damit nur sagen, dass die "ciceronische " Vitalität unmittelbar nach der Einleitung zu sprudeln beginnt und vor Ende der zweiten Plattenseite nicht mehr aufhört. Die dunkelleuchtende Melodik Liszts verändert im Spektrum des Cicero-Sounds nicht ihre Substanz, aber in Strahlenbündeln der rhyhtmischen, harmonischen und technisch artistischen Reflexe des Trios beginnen die Motive in fast kalligraphischer Reinheit zu funkeln. Der Eindruck beglückender Gelöstheit ist das Hauptcharakteristikum dieser Platte. Mit Swing und Drive und nerviger Eleganz zaubert Cicero Klangfiguren von geschliffener Plastizität hervor. Er brilliert mit graziösen Läufen, mit burlesken Phrasen und jener rhythmischen Geschmeidigkeit, die ein spezifisches Element seiner Improvisationslust ist. So gerät die "Etüde, Nr. 2, Es -Dur" zu einer glasklaren Swingstudie. In der "Glöckchen-Etüde" ("La Campanella") blitzt romantische Ironie auf. (Achten Sie hier auf Antolinis lavagetränkte Lässigkeit.)

Wer Liszt nicht mag, mag in vielleicht wegen des "Liebestraums" nicht Aber solche "Ausrutscher " bestätigen doch das Genie. Und was CICERO daraus macht, ist so zauberhaft, besonders der Übergang von der Einleitung zu Bossa-Nova-Passage, dass man diese Stück um keinen Preis hier vermissen möchte. Die liebenswürdigste Nummer der Platte ist die "Jagd-Etüde". Man braucht sich seine Assoziationen ja nicht vom Titel diktieren zu lassen. Das swingt, wie wenn man mit eben "dem " Wagen und so weiter durch eine rustikale Frühlingslandschaft flitzt. Aus dem recht literarischen ersten Stück der "Conslations" filtert CICERO so etwas wie funky Atmosphäre (nicht doktrinär aufzufassen). Und mit "Sogni d'amore" geht das Franz-Liszt-Festival mit Ciceros Swinging Piano zu Ende. Schade.

-EGBERT HOEHL-
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