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Als sich Eugen Cicero im August 1962 – inmitten des „Kalten Krieges“ – nach West-Berlin absetzte, betrat er völlig unvorbereitet eine völlig neue Welt. Er war gerade mal 22 Jahre alt und kannte den Westen nur als kapitalistisches Feindbild der rumänischen Regierung. Die Berliner Mauer war gerade erst ein Jahr alt und es grenzt fast an ein Wunder, dass die gesamte Kapelle „Ambassador“ ein Tagesvisum nach West-Berlin erhalten hat. Natürlich mussten sie ihr gesamtes Hab und Gut im Ostteil der Stadt als Pfand zurücklassen. Doch was war das schon, wenn man dafür in Freiheit lebte? Sicherlich war es für alle eine spontane und gewagte Entscheidung. Keiner wusste, wie lange sich das kommunistische System halten würde und ob sie sich in der „neuen Welt“ zurechtfinden würden. Eugen war der einzige, der sich entschied in West-Deutschland zu bleiben, die übrigen Musiker zogen weiter in die USA und einer ging wieder in den Osten zurück, weil er Frau und Kind nicht zurücklassen wollte.

Wie hat sich Eugen da zurechtgefunden? Wie kam er zu seinen ersten Auftritten und wie fand er Kontakt zu Plattenfirmen? Jetzt war er zum ersten Mal in seinem Leben ohne Freunde und in einem Land, dessen Sprache er nicht verstand. Niemand kannte ihn.

Über die Zeit bis zu seiner ersten Plattenaufnahme 1965 im Schwarzwald bei Hans Georg Brunner-Schwer (HGBS) wissen wir nur sehr wenig. Die einzige, die hierzu noch etwas sagen könnte, ist seine geschiedene Ehefrau Lilli. Doch ihre Erinnerungen sind leider völlig verblasst. Da West-Berlin für Überläufer aus dem Osten ein gefährliches Pflaster war, ging sein Weg sicherlich sehr schnell über die Zonengrenze nach West-Deutschland.

Aus den Liner Notes des verstorbenen deutschen Jazz-Papstes Joachim Ernst Berendt auf der LP Rokoko-Jazz wissen wir, dass er sich zuerst in München aufhielt und dann in die sichere Schweiz weiterreiste. Dort soll er in Zürich einen gewissen Werner Schmid (1926-2008) kennengelernt haben, der ihm verschiedene Jobs als Pianist in Bars und Restaurants vermittelte, unter anderem im berühmten „Kindli“, wo der bekannte Teddy Staufer (1909-1991) das Hausorchester leitete. Im „Kindli“ traf er auch den damals noch jungen Paul Anka (*1941).

Paul Anka

Es ist ein Glücksfall, dass aus dieser Zeit vermutlich das erste Künstlerfoto von Eugen erhalten ist. Erstaunlicherweise datiert es aus dem Jahre 1962 und wurde in Zürich bei Foto Steiner aus der Schimmelgasse 10 gemacht. Von Zürich führte sein Weg wieder zurück nach München, wo ihn Freddy Brooksieper (1912-1990) mit der dortigen Jazz-Szene bekanntmachte. Da er als der beste und dienstälteste Schlagzeuger Deutschlands auch in Stuttgart oft gebraucht wurde, überrascht es nicht, dass er dort mit Eugen Cicero im Chez-Nous aufgetreten ist und dort eines Tages von Lutz Beck entdeckt wurde (Memories).


MPS Records

Eugen Cicero, Noten Christina

Zu den Stammkunden im Chez-Nous zählten damals auch der Kontrabassist Peter Witte (1930-2007) und der Schlagzeuger Charly Antolini (*1937), die beide im Südfunktanzorchester von Erwin Lehn (1919-2010) spielten. Sie waren nebenher auch Studiomusiker vom Plattenstudio MPS in Villingen. Somit ist davon auszugehen, dass sie eines Tages Eugen mit zu HGBS genommen haben (Memories von Witte und Antolini).

Am 14.03.1965 wurde Rokoko-Jazz – die erste Platte von Eugen Cicero – aufgenommen, die weltweit über eine Million Mal verkauft wurde.


Im Oktober 1970 hat Eugen die letzte von insgesamt sieben Schallplatten bei MPS eingespielt: „Balkan Rhapsodie“ produziert von Willi Fruth und aufgenommen zum ersten Mal nicht von HGBS, sondern von Rolf Donner. Hierauf befinden sich ausschließlich rumänische Volkslieder, die sehr schwungvoll arrangiert wurden und eine musikalische Reminiszenz an Eugens Heimat darstellen. Aus welchen Gründen diese Zusammenarbeit mit HGBS nicht fortgesetzt, ist nicht bekannt. Als ich HGBS am 30.09.1996 zu dem Konzert von Eugen nach Überlingen einladen wollte, meinte er, dass Eugen sicherlich von ihm noch enttäuscht sei, weil damals sein Vertrag nicht verlängert wurde.

Ein Problem war sicherlich, dass HGBS keine professionelle Vermarktung der Schallplatten (der Vertrieb lief über BASF) und keine Konzertagentur für seine Plattenkünstler betrieb, sondern nur an der reinen Studioarbeit mit ihnen interessiert war (Memories Willi Fruth). Andererseits waren die Musiker Witte und Antolini an das Südfunktanzorchester gebunden und konnten schon deshalb nicht mit Eugen auf Tournee gehen. Es ist bekannt, dass Charly Antolini von Eugen absolut begeistert war und ihm eine große Karriere in den USA und in Europa zugetraut hatte. Aus welchen Gründen auch immer, wollte Eugen davon nichts wissen (Memories).


Metronome Records

Metronome

Auch die von Metronome vertriebene LP „Marching the Classics“ wurde 1970 als eine „two rivers production“ auf den Markt gebracht. Leider machen die von dem holländischen Radiosprecher Jan Koopman (1930-2011) verfassten Liner Notes keinerlei Angaben über das Zustandekommen dieser Platte.

Dies erscheint umso notwendiger, als hier zum ersten Mal am Bass Hans Rettenbacher (1939-1989) und am Schlagzeug Kenny Clarke (1914-1985) war. Obwohl der bei allen Titeln vorherrschende Marschrhythmus so gut wie keinen Raum für jazzige Improvisationen lässt, wird Eugen dort als „wizzard of the keyboard“ und „a great name of the western music world“ bezeichnet. Aufgrund der einmaligen Mitwirkung des in Frankreich lebenden legendären US-Schlagzeugers Kenny Clarke ist die Aufnahme sicherlich ein begehrtes Sammlerstück, zumal sich auf der Rückseite des Covers ein sehr außergewöhnliches Portraitfoto aller drei Musiker befindet. Die CD-Version dieser Aufnahme wurde später von Barcley bewerkstelligt.


Intercord Records

Intercord Record Eugen Cicero>

Am 10.08.1971 unterschrieb Eugen einen Vertrag bei Intercord, einer in Stuttgart ansässigen Plattenfirma. Damit war jedenfalls die Zusammenarbeit mit Witte und Antolini endgültig vorbei. Es wurden mindestens 11 Langspielplatten produziert, die meisten davon auch nach Japan lizenziert.

Der bei Intercord tätige Produzent Egon „Conny“ Pfrenger (*1928) machte Aufnahmen in allen denkbaren Formationen: Eugen im Trio mit verschiedenen Schlagzeugern und Bassisten, drei Live Aufnahmen im Trio und großes Orchester in Berlin (Kleines Theater und Philharmonie) mit Streichern (dem Württembergischen Kammerorchester) und zuletzt auch als Solist. Ein großer Erfolg war der am 24.04.1976 verliehene DEUTSCHE SCHALLPLATTEN PREIS für die Produktion Eugen Cicero plays Schubert mit dem Württembergischen Kammerorchester unter der Leitung von Jörg Faerber.

Etwas aus dem Rahmen fällt eine Aufnahme mit dem legendären belgischen Mundharmonikaspieler Jean Toots Thielemans (1922-2016) aus dem Jahre 1980. Die Produktion erschien unter dem Titel NICE TO MEET YOU. Obwohl beide Musiker dafür bekannt waren, in kürzester Zeit einen Song zu komponieren, befindet sich unter den 14 Titeln auf der Platte nur ein Song von Toots und einer von Eugen. Der Produzent Egon Pfrenger war bereits mit zwei Kompositionen vertreten und die übrigen, so vermute ich, waren Songs, die aus Gefälligkeit gegenüber unbekannten Komponisten eingespielt wurden. Interessanterweise gibt es auf der LP kein gemeinsames Bild von Eugen und Toots, so dass man sich zu guter Letzt fragen kann, ob die Produktion bei gleichzeitiger Anwesenheit im Studio eingespielt wurde. Vermutlich versuchte Toots damals wieder auf dem europäischen Musikmarkt Fuß zu fassen und suchte quasi eine Mitspielgelegenheit, die ihm Eugen gewährt hat.

1994 wurde Intercord an EMI verkauft und der Firmensitz wechselte im Jahr 2000 von Stuttgart nach Köln. Seitdem sind Lizenzabrechnungen an Eugen ausgeblieben. Dies war umso bedauerlicher als Intercord acht Aufnahmen an Nippon Flamingo bzw. Teichiku Records in Japan lizenziert hatte.

Das Ende der Zusammenarbeit mit Intercord fällt zeitlich mit der Trennung von Lilli Anfang 1980 zusammen. Es wurde mir mehrfach zugetragen, dass Eugen durch die Trennung eine schwere Schaffenskrise erlitten hat. Obwohl die Trennung in persönlicher Hinsicht für ihn sicherlich eine Befreiung bedeutete, war sie in künstlerischer Hinsicht umso schwieriger, als Eugen nicht von einer Agentur bzw. einem Impresario betreut wurde.


Timeless Records

Timeless Records Eugen Cicero

Timeless Records ist ein in Holland ansässiges Label, das von dem Ehepaar Ria und Wim Wigt betrieben wird. Wie der Kontakt (vermutlich ca. 1984) mit Eugen zustande kam, ist leider nicht bekannt. Dieses Label ist auf den Jazzbereich spezialisiert und verfügte nicht nur über gute Kontakte nach Japan, sondern auch zu vielen Musikern der europäischen Jazz-Szene. 

Die neuen Side-Men von Eugen wurden somit am Bass Hank Hovenhoek, John Clayton und Aladar Pege und am Schlagzeug John Engels, Billy Higgins und Ringo Hirth. Es sind 3 hervorragende Produktionen entstanden: 1983 Spring Song, 1985 Jazz-Bach und 1987 Rokoko-Jazz II.

Alle Aufnahmen wurden nach Japan lizenziert und dort von dem japanischen Produzenten Makoto Kimata (1938-2016) auf den Markt gebracht. Immer wieder tauchen auf dem japanischen Markt CD-Pressungen unter verschiedensten Labels auf, so unter anderem 2006 eine Kompilation von Timeless Aufnahmen unter der Firmierung von Pony Canyon Inc. Japan. Interessant ist, dass sich in Japan für Eugen die Bezeichnung seiner Musik mit Rokoko Jazz festgesetzt hat, hier mit dem Untertitel Menuetto.


MELDAC JAZZ Records

Unter diesem Label brachte Makoto Kimata auch seine eigenen Produktionen mit Eugen auf den japanischen Markt. So unter anderem The Last Scene und Romantic Cine Jazz. 1995 wollte er für seinen Enkel ein Schlaflied von Eugen gespielt haben. 

Es war die Berceuse von Benjamin Godard. Dadurch entstand die Idee von Lullabies, eine CD, auf der ausschließlich Schlaflieder enthalten sind. Leider konnte Eugen für die Aufnahmen nicht nach Japan reisen, so wurde die Platte in einem Studio des Südwestfunks in Mainz eingespielt. Aufgrund ungünstiger vertraglicher Bedingungen kann diese CD bis heute nicht in Deutschland erscheinen.

Diverse Produktionen

Soweit ersichtlich hat Eugen nach dem Engagement bei Timeless Records keinen längerfristigen Plattenvertrag mehr abgeschlossen. Jetzt entstehen nur noch Produktionen in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern oder Promotion für Firmen. Eine vollständige bzw. chronologische Zusammenstellung ist somit nicht mehr möglich. Die folgende Auflistung erfolgt daher nur nach Titeln und nicht mehr nach Plattenfirmen und ist auf den mir vorliegenden Fundus an CD Aufnahmen beschränkt:

A Touch of Love ist eine Aufnahme mit sehr romantischer Musik, bei der die Melodie weitestgehend von dem in Hermannstadt (Rumänien) geborenen Horea Crishan (*1945) mit seiner Panflöte übernommen wird. Diese CD habe ich über den japanischen Musiksammler Mitsuru Okayama kennengelernt.

My Lyrics, Whisper from Eternity und Don‘t Stop My Dreams Eugen Cicero & Friends bzw. Berlin Reunion enthalten nur Kompositionen von J. A. Rettenbacher (1939-1989), der an Krebs erkrankt war und durch den Verkauf finanziell unterstützt werden sollte.

Handmade für die Firma WERSI, Maritim In Music für die Hotelkette Maritim, Der Klassik neue Kleider für den Südwestfunk, Klassik Modern für die Deutsche Bank und eine Live-Einspielung der Gesamtsitzung des Gerling-Konzern.

Easy Listening Lounge Immer wieder wird Eugen vom Südwestfunk bzw. einem Walter Depenheuer produziert. 1997 hat er sich vermutlich aus Marketinggründen dem Easy Listening zugewandt und mit dem SWF Orchstra unter der Leitung von Dieter Reith eine abwechslungsreiche „Lounge“ Musik aufgenommen. Weitere Depenheuer Produktionen sind Aufnahmen des damaligen Südwestfunks mit dem Organisten Wilhelm Krumbach (1937-2005) sowie Live Trio-Aufnahmen auf Burg Idstein im Taunus.

TRAUMNOTEN mit dem RIAS Orchester conducted by Rüdiger Piesker (1923-2004) liegt klar im Easy Listening Bereich. Hier befinden sich zum ersten Mal zwei Titel mit den Namen der Töchter von Angelika Meier-Hanka Synthia und Eliane.

LOVE‘S DREAM, erschien 1985 mit dem Dirigenten Cedric Dumont (1916-2007). Eine CD mit einer gefälligen Mischung klassischer Stücke mit den Mitgliedern der Münchner Philharmoniker, wieder ganz offensichtlich für den Easy-Listening-Markt produziert. Eugen spielt hier mit dem englischen Schlagzeuger Ronnie Stephenson (1937-2002), mit dem er schon bei Intercord auf der London-LP spielte und dem Bassisten Hans Lengefeld (von den Münchner Philharmoniker), den er schon seit 1963 kannte (Memories).

Phoenix erschien im Dezember 1992 unter dem Label Music of Change. Es handelt sich um eine in Budapest produzierte Aufnahme mit dem Schlagzeuger Ringo Hirth (*1950) und dem Bassisten Aladár Pege (1939-2006). Hierauf sind sehr schöne neue Klassikbearbeitungen von Tschaikowski, Verdi, Puccini, Albinoni, Brahms, Mozart und last not least eine schöne Neubearbeitung der Träumerei von Robert Schumann. Zum ersten Mal handelt es sich um eine Produktion von Angelika Maier-Hanka für Cicero Music und Ringo Hirth für Music of Change. Der Vertrieb erfolgt über Merkton/Aris in Baden-Baden.

Eugen Cicero Music Publishing Production

Diese Firma von Angelika Maier-Hanka besteht seit ca. 1986. Damit legte Eugen die Verlagsrechte seiner Musik sowie sein Management in die Hand seiner Lebenspartnerin. Unter Vermittlung eines ehemaligen INTERCORD-Mitarbeiters Otto W. Beerstecher entstanden zwei Kompilationen von ehemaligen Intercord-Alben, die unter dem Titel „Eugen Cicero Jazz meets popular music“ (3 CDs) und „swinging with Cicero“ (2 CDs) von BOB Media bzw. ZYX Music produziert und vertrieben wurden. Dies ist insoweit verdienstvoll, als diese Aufnahmen von Intercord bisher nur in Japan und nicht in Deutschland auf CD erhältlich waren.


In+Out Records

In+Out Record Eugen Cicero

wird in Freiburg von Frank Kleinschmidt betrieben und hat 2002 das Überlinger Konzert aus dem Jahr 1996 unter dem Titel Swinging Piano Classics, 2005 das Debrecen Konzert auf dem Jahr 1978 unter dem Titel Solo Piano und 2021 das Concert in Bucuresti aus dem Jahr 1994 auf den Markt gebracht.

Frank Kleinschmidt


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